Atempause : - ' -
Verehrte Damen und Herren - ' -
ich bin von den Organisatoren dieser zweiten Performancekonferenz hier in Köln aufgefordert worden, heute einen Vortrag zum Thema Performance zu halten - ' - ursprünglich hatte ich die Absicht, über die finanzielle Situation des Performancekünstlers in der BRD zu sprechen, aber die Vorbereitungen zu diesem Thema waren derart deprimierend, dass ich schliesslich davon Abstand genommen habe - ' - stattdessen ein neutraleres Thema - ' - die Gedanken dazu habe ich auf fünf Schreibmaschinenseiten zusammengeschrieben. Da mir die sprachliche Eloquenz und die Kaltschnäuzigkeit zu einer freien Rede fehlen, habe ich diese fünf Seiten auswendig gelernt. Mit diesem Auswendiggelernten biete ich ihnen und mir die Illusion der freien Rede - ' - die Illusion der freien Rede dauert achtzehn Minuten und beginnt mit dem Titelsatz: Shaolinübung für Performancekünstler - ' - zwischen dem Begriff Performance -also die Kunst der öffentlichen Selbstdarstellung- und dem Begriff Shaolin -also die Kunst der Selbstverteidigung- gibt es erstmal einen grundsätzlichen Unterschied: Denn das Shaolin hat einen traditionell festgelegten Kanon an Bewegungsabläufen, denen sich jeder Shaolinübende gleichermaßen unterziehen muss, während eine Performance die individuell gestaltete oder spontane Abfolge von Situationen ist. Von daher gibt es also einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Shaolin und Performance. Allerdings gibt es auch Berührungspunkte, auf die ich unter anderem eingehen werde. In der Theorie des Shaolin gibt es den Ausdruck HU SHIAN, wörtlich übersetzt: der Schatten des Tigers. Darunter versteht der Shaolinübende eine Art imaginäres Bewegungsmuster, dass jeder tatsächlichen Bewegung vorausgeschickt wird - ' - also: sich ein Bild machen von einem konkreten Bewegungsablauf und diesen dann konkret in die Tat umsetzen. Das mache ich als Performancekünstler ja auch. Es gibt in meinem Alltag zwischen Geschirrspülen und Babywindeln kurze traumartige Zustände, die ich ab und zu praktisch in die Tat umsetzen möchte - ' - wenn ein Künstler sich selbst also seinen eigenen Körper zum Bestandteil seiner künstlerischen Formulierungen macht, dann geht er ein spezielles Risiko ein, denn Performance ist ein zeitabhängiges und in der Öffentlichkeit geschaffenes Kunstwerk. Was bedeutet: dass jeder Fehler und jede Korrektur, die ein Performancekünstler macht, gleichzeitig vom Betrachter auch registiert wird - ' - es gibt Performancekünstler die behaupten, dass sie während ihrer öffentlichen Darbietung in der Lage sind, aus sich herauszutreten, neben sich zu stehen, sich zu betrachten, während man etwas tut, also eine Art öffentliche Doppelexistenz führen. Und diese Künstler sagen, dass gerade dieser Zustand der öffentlichen Spiegelexistenz der ganz persönliche Emotionskick bei ihren Performances ist.
Der Begriff Shaolin bezieht sich auf das chinesische Kloster SHAOLIN ZSE, was soviel heisst wie - ' - das Kloster im jungen Birkenwald - ' - dort lebte vor zweitausendfünfhundert Jahren ein Mönch namens TA MOH. Dieser Mönch lehrte seinen Kollegen allgemeine gymnastische Übungen zum Ausgleich für die langanhaltenden Meditationen - ' - da nun dieses Kloster zu jener Zeit öfters zum Opfer lokaler kriegerischer Auseinandersetzungen wurde und die Mönche auf Grund ihres Gelübdes keine Waffen tragen durften und trotzdem ihr Kloster verteidigen wollten, entwickelten sie aus diesen allgemeinen gymnastischen Übungen die erste Form der körperlichen Selbstverteidigung, die unter dem Namen Shaolin bekannt wurde - ' - All die Formen von Selbstverteidigung, die wir heute kennen, angefangen von Aikido bis zu Hardcore Kong Fu haben ihren Ursprung im Shaolin - ' - der Mönch TA MOH hat in seinem letzten Lebensjahrzehnt zwei Bücher über die Kunst der Selbstverteidigung geschrieben. Das erste Buch hat den Titel - ' - ABHANDLUNG ÜBER DIE BEWEGUNG DER KLEBENDEN HÄNDE, das zweite Buch hat den Titel - ' - ABHANDLUNG ÜBER DIE WÄSCHE DES KNOCHENMARKS - ' -
Verehrte Damen und Herren, es gibt auch Performancekünstler, die behaupten, dass sie nicht nur in der Lage sind, während ihrer öffentlichen Darbietung aus sich herauszutreten und sich selbst zu betrachten, sondern darüber hinaus auch in der Lage sind, in den Anderen -in den Betrachter- einzutauchen, sich mit ihm zu identifizieren, in die Gefühlswelt des Betrachters einzudringen, um dann schließlich wieder aus ihm auszusteigen und das gleiche Spiel mit dem nächsten Betrachter zu spielen, so wie der Missionar. - ' - Der ist zwar bescheiden, aber wenn es um die Taufe seiner frischen Heiden geht, sehnt er sich danach, mit ihnen zu verschmelzen, um dadurch sich selbst jedes Mal aufs Neue mittaufen zu können. Das ist sein autistischer Gefühlskick. Ich habe nicht die Absicht, während meiner Performances aus mir herauszutreten und neben mir zu stehen, ich habe nicht die Absicht, in die Gefühlswelt des Betrachters einzudringen. Ich behaupte, dass es zwischen Kunstwerk und Betrachter eine möglichst große Distanz geben sollte. Distanz ist die Voraussetzung dafür, dass sich beide -Betrachter und Kunstwerk- mit Respekt und ohne Vorurteile gegenseitig annähern können. Wenn ich mir eine öffentliche Darbietung ansehe und der öffentlich tätige Künstler gibt mir auf irgendeine Art zu verstehen, dass er in mich oder ich in ihn eintauchen und verschmelzen sollte, dass wir doch ALLE EINS sind, eine große Familie, in der wir uns gegenseitig unsere Gefühle, Fantasien und Probleme mitteilen können nach dem Motto EVERYBODY CLAP YOUR HANDS, dann werde ich versuchen mich dieser Darbietung zu entziehen. - ' - Die einfachste Variante, sich in die Gefühlwelt des Betrachter einzuhacken, ist die öffentliche Präsentation des eigenen körperlichen Schmerzes - ' - ich habe vor zwei Jahren in Hamburg eine Performance gesehen, da hat sich der darbietende Künstler in der kunstinteressierten Öffentlichkeit mit einem Rasiermesser die Stirn aufgeschnitten - ' - und die Backen - ' - er hat geblutet wie verrückt - ' - ich war darauf nicht vorbereitet, ich dachte mir, ist der Mann so einsam, dass er in der Öffentlichkeit sein Gesicht mit einem Rasiermesser massakrieren muss, um meine Aufmerksamkeit zu erzwingen, ist es notwendig, um einen nachhaltigen künstlerischen Ausdruck zu formulieren, und das wollen wir Künstler ja, ist ja klar, ist es da notwendig, der Öffentlichkeit sein eigenes warmes Blut zu präsentieren - ' - in den Shaolinübungen gibt es eine Besonderheit und zwar ist der Anfangspunkt eines Bewegungsablaufs immer deckungsgleich mit dem Endpunkt eines Bewegungsablaufs - ' - Das heisst, die erste Bewegung und die letzte Bewegung haben die gleiche visuelle Information - ' - das macht ja ein Taschendieb auch - ' - die Hand muss nach ausgeführter Tat wieder in die Jackettasche zurück - ' - als wäre nichts geschehen - ' - als hätte es keine Bewegung, keine Handlung gegeben - ' -
Verehrte Damen und Herren, erlauben sie mir einen kurzen Ausflug in die Schulphysik: Da habe ich gelernt, dass, wenn ein Elektron auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigt wird und dann auf ein Neutron mit entgegengesetzer Geschwindigkeit prallt, es zu einer extremen Explosion kommt, bei der das Elektron für einen Bruchteil einer Zeiteinheit in seine Einzelteile zerfällt, um gleich darauf wieder in seine ursprünglichen Form nämlich als Elektron zurückzufinden - ' - Um nun dennoch diesen für das menschliche Auge unsichtbaren kurzen Vorgang dingfest zu machen, haben die Physiker elektronische Geräte entwickelt, die nur dazu dienen, diesen kurzfristigen Explosionsvorgang zeitlupenartig festzuhalten, um diesen überhaupt sichtbar zu machen und analysieren zu können - ' - das heisst also, dass der tatsächliche physikalische Vorgang und die Beobachtung dieses Vorgangs zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten stattfindet - ' - auf Grund dieser Problematik haben die Wissenschaftler einen Begriff eingeführt, nämlich den Begriff RAUMZEIT - ' - Raumzeit das klingt erstmal sehr assoziationsgeladen, aber je öfter ich diesen Begriff höre, um so weniger kann ich mir dabei etwas vorstellen - ' - denn was heisst das: RAUMZEIT- ' - heisst es, dass in diesem Raum hier, in dem ich jetzt diesen Vortrag halte und sie hier sitzen, eine Zeit abläuft, die anders ist als die Zeit da draussen auf der straße - ' - oder heisst es, dass ich hier in diesem Raum eine Performance machen könnte und gleichzeitig hier in dem Nebenraum eine Performance machen könnte, wenn ich mich nur in dem richtigen Raum-Zeit-Kontinuum bewege?
- ' - Ich möchte nun zum Schluss noch auf eine stereotype Situation hinweisen, die mir als Performancekünstler öfters widerfährt - ' - die Situation ist folgende - ' - ich bin in der Auguststraße in Berlin in einer Bar, da kommt ein Mann auf mich zu, klopft mir kurz auf die Schulter und sagt: Sie sind doch der Performancekünstler, der mit den Tellern immer rumsitzt. Ja, ich hab Sie schon mal gesehen, das ist ja ganz witzig, was sie da so machen, aber wissen Sie, ich hatte neulich eine Performance, das wär was für Sie gewesen: Ich war nämlich eingeladen bei meinen Eltern an Sylvester zum Essen und da hab ich doch glatt zu später Stunde den Christbaum mit den brennenden Christbaumkerzen umgeschmissen. Gott sei Dank hatte meine Mutter einen Topf mit Wasser in der Küche stehen und den Christbaum gelöscht, es ist auch nichts weiter passiert, außer, dass der Teppich nass war und am nächsten Tag sollte meine Tante Gerdi und Tante Gretel zum Kaffeetrinken kommen und das ging natürlich nicht mit dem nassen Teppich und draussen hats geregnet. Also, was hat mein Vater gemacht? Er ist aufs Klo, hat den Föhn geholt und hat in den Morgenstunden des ersten Januar neunzehnhundertsechsundneunzig unseren Wohnzimmerteppich trockengeföhnt - ' - das war ne Performance, Herr Lorbeer, das wär was für Sie gewesen, das hätte man filmen müssen - ' -
Wenn ich sowas höre, dann fühle ich mich immer über den Tisch gezogen, das zerknirscht mich - ' - denn wie soll ich das verstehen, wie soll ich mich als professionell tätiger Performancekünstler dazu verhalten, wenn alles, was etwas außerhalb des Alltäglichen passiert, sofort als Performance deklariert wird?? - ' - soll ich mit dem Kopf nicken und sagen: Jaja, Sie haben Recht, die besten Geschichten schreibt das Leben. Und wenn es tatsächlich so sein sollte, dass Kunst und Leben identisch sind, dann bin ich kein Künstler, sondern dann bin ich Politiker - ' - damit verehrte Damen und Herren komme ich zum letzten Satz des Auswendiggelernten - ' - ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit - ' -